Samstag, Februar 23, 2013

Hier weiblich, da männlich - ein paar Notizen zur Rolle der Muskelmaedels und ihrer Fans



Verrückt oder normal - so lautete vor einigen Jahrzehnten ein Buchtitel aus dem Bereich der Psychologie. Nun heißt es zwar: "Lesen nützt, Lesen schützt", aber manchmal zeigt es auch nur auf, dass der Verfasser ignorant war. Oder zumindest in den Vorstellungen seiner Zeit gefangen und dementsprechend urteilend (auch wenn ich es jetzt noch nicht spüren sollte: Das passt mit Sicherheit auch auf mich). 

Jedenfalls wurde seinerzeit noch mit Begriffen wie "Perversion" hantiert, was man heute lieber unter Rückgriff auf die Soziologie als "Devianz" (abweichendes Verhalten) bezeichnet. Um es kurz zu machen: Fast alles, was nicht in die als korrekt erachtete sexuelle Norm fiel, wurde seinerzeit noch gern der Frage nach "pervers - ja oder nein?" unterworfen. Sind wir Fans von Muskelmaedels nun pervers?  Und was ist mit den Muskelmaedels?

Worum es mir geht: Ich will mal kurz zu analysieren versuchen, warum "die anderen" Muskelmaedels ablehnen, warum dafür eigentlich kein Grund besteht und warum wir Fans dennoch unsere Vorliebe oft gern heimlich ausleben.

Die öffentlichen geäußerten Ansichten sind jedenfalls entsprechend (man beachte aber: "Öffentlich geäußert" ist nicht unbedingt immer gleichzusetzen mit "tatsächliche Meinung" - mancher tut auch nur als ob): Also, so schallt es allenthalben, demnach sind Frauen mit Muckis unnatürlich und unweiblich, folglich muss der Typ, der sie mag, unmännlich sein. Klingt logisch, es lässt nur die Frage außer acht, wer denn die jeweilige Definition von "männlich/weiblich" erstellt und warum so viele darauf einsteigen. 

Dass Muskelmaedels bei so manchem Unbehagen auslösen, das ist fraglos bekannt. Manche Athletin ärgert das, aber manche der Damen genießen das, vielleicht auch mit einem letzten Rest von "Männerbastion-Stürmen-Wollen" im Hinterkopf. Nun sind es aber auch Frauen, die sich gegen ihre muskulösen Geschlechtsgenossinnen aussprechen. Hier mag der Neid eine Rolle spielen - aber das wäre zu kurz gegriffen. Denn bei allen Ablehnenden geht das sicher tiefer.


Aus meiner Sicht geht es um tief verankerte gesellschaftliche Konventionen. So --- jetzt bitte bloß nicht erschrecken, wenn ich mal mit der Begründung ganz hoch (und vielleicht daneben) greife: Oft wird bei "männlich - weiblich" darauf verwiesen, das sei so, weil es natürlich sei. Das lässt nur außer acht, dass mancher auf die Welt kommt und vom Fleck weg anders tickt - wenn alle Menschen vor Gott gleich sind, was ist dann mit dem, der "ab Fabrik" gegen die Konvention mit dem "natürlich" verstößt? Wenn das eine mit der Gleichheit vor Gott stimmt, dann kann die andere Sache mit den "ewiglichen" Konventionen nicht stimmen. Es gibt nur eins: Wie alles Leben ist auch unseres auf Fortpflanzung ausgelegt. In der Gesamtheit klappt das auch, im Detail oft nicht. Ist das dann unnatürlich? Fraglos nicht, da auch der menschliche Wille natürlich ist und es bei manchen Leuten biologisch angelegt ist, sich nicht fortpflanzen zu können.
  
Nein, bei "männlich - weiblich" geht es, so meine ich, um Traditionen. Und um das, was man als richtig im Lauf eines Lebens glaubt erkannt zu haben. Das scheint einem der einfache Blick in die Geschichte zu bestätigen - so nach der Devise "... war ja schon immer so, deshalb ist es sicher richtig!" Nur: Oft war deshalb alles so traditionell "richtig" und hübsch normiert, weil der Druck von oben entsprechend heftig ausfiel und man so bestimmte, von den Regenten und tonangebenden "Eliten" gewünschte Dinge auf lange Sicht vorschreiben, festsetzen und im öffentlichen Bewusstsein verankern konnte. Im Guten wie im Schlechten. 

Dadurch aber ließ sich jeder ächten, der gegen diese Normen verstieß. Im Westen hat die Kirche hier lange reichlich Schuld auf sich geladen und tut das immer noch (siehe Hexenprozesse, siehe Aufarbeitung der Missbrauchsskandale). Im muslimischen Raum gab und gibt es ebenfalls religiöse Oppression vieler geschlechtlicher Aspekte. Alles oft und gern unter dem Oberbegriff der Moral, aber das ist meist nur ein Deckmantel für das Grabschen nach der Macht.

Wer sich in der Geschichte der Sexualität umschaut, stellt immer wieder fest, dass es im Lauf der Zeit die verschiedensten Spielarten gegeben hat, OHNE dass die Menschheit ausgestorben wäre und OHNE dass es jedes Mal zu verderblicher Dekadenz à la spätem Rom gekommen wäre (wesentliches Merkmal davon ist ja auch, dass die gesellschaftliche Führungselite mehr und mehr zugunsten eigener Gelüste das eigentliche Regieren vernachlässigte und statt dessen Willkür übte - die Messalina-mäßigen Schweinereien waren da nur das i-Tüpfelchen). Aber: Infolge des Drucks haben sich viele als "richtig/falsch" geltende Dinge über lange Zeit verfestigt und wurden zur Tradition. Deshalb stecken sie heute auch in vielen Köpfen. Und jedes In-Frage-Stellen tut weh (aber das tut das Denken ja üblicherweise sowieso, sonst würden es mehr Leute tun ...)       


Und zu diesen wie in Erz gegossen wirkenden Aspekten gehört auch die Definition von "weiblich" und "männlich". Demnach sind Männer körperlich stärker. Gern wird da auch auf die Biologie verwiesen, die dem Mann in der Gesamtheit tatsächlich mehr Muskelmasse und Kraft mitgegeben hat. Nur lässt das außer acht, dass von jeher immer auch Frauen gelebt haben, die von Hause aus muskulös und stark (und stärker als viele Männer) waren. Oder die ihre Kraft trainiert und gesteigert haben, sei es durch Arbeit, sei es durch Sport. Oder die insgesamt gegen diese "hier männlich, da weiblich"-Doktrin angerannt sind. (Und um jeder "Schneid-ihn-ab"-Vertreterin gleich die Schere abzunehmen: Es gab auch Männer, die das taten.)

Zumal viele dieser Definitionen schlichtweg recht jungen Datums sind - sie kamen mit der Entwicklung des Bürgertums einher. Wer sich einmal anschaut, was zum Beispiel gemäß der bürgerlichen Etikette vom Ende des 17. bis zur vorletzten Jahrhundertwende alles geschlechtlich geregelt und getrennt war, der stellt auch rasch fest: Schön, das ist bei den Großbürgern und der tonangebenden städtischen Elite so. Und beim Rest? Da nicht. Der Rest aber war die Mehrheit. Und auf dem Land musste eine Frau auch mal die widerspenstigen Ochsen anspannen, den umgekippten Wagen aufrichten, den schweren Schmiedehammer schwingen, wenn es not tat, und alle sonstigen Arbeiten ebenso verrichten wie der Mann auch. Da gab es "männlich - weiblich" nur in der Biologie und in der Kleidung. 

Das bedeutet: Viele der bürgerlichen Normen erreichten nur die Bürger. Waren auch und vor allem dazu gedacht, eben diese (als neue soziale und politische Gruppe auftretenden) Bürger überhaupt einmal zu definieren und vom Rest der Welt abzugrenzen. Aber selbst in dieser Gruppe hielten sich längst nicht alle daran. Sprich: Wo Normen sind, werden sie durchbrochen. Das liegt in der Natur unseres Wesens, weil wir Menschen uns sonst nicht weiterentwickeln und Neues schaffen könnten. Und weil Individualität per se nicht normierbar ist. 

Wenn aber nun eine Norm"männlich" und "weiblich" definiert und sie sehr fest im allgemeinen Bewusstsein sitzt, dann zucken viele logischerweise bei jedem Verstoß dagegen und reagieren unangenehm berührt. Denn solche Verstöße werden als Angriff auf die sexuelle Identität verstanden (weswegen wir Fans mit unserem Faible auch oft im Verborgenen bleiben). Das ist ebenso folgerichtig wie der Verstoß gegen die Norm als solches. 



Für unseren Spleen mit den Muskelmaedels ergibt sich aus diesem Blick auf gesellschaftliche Werdegänge, Normen-Verstöße und Weiterentwicklungen: Sämtliche Experimente der Männer hinsichtlich der stets verbesserten Trainings- und Ernährungsmethoden mussten über kurz oder lang auch bei den Frauen ankommen. Und beim Bodybuilding und dem gezielt angestrebten Muskelzuwachs taten feminae das schon im alten Rom, das belegen einige Mosaikreste, die Maedels in Bikinis mit Hanteln zeigen. Um quasi kürzer zu gucken: Im 19. Jahrhundert ging das dann wieder stärker los. Interessanterweise im städtischen und damit dem eigentlichen bürgerlichen Umfeld. Zuerst bei Männern, dann auch bei mancher Frau. Und alle die Athletik betreffenden Methoden von heute machen daher natürlich nicht vor Geschlechtergrenzen halt.

Das heißt: Mehr Toleranz täte beiden Seiten gut. Muskelmaedels sind kein Angriff aufs männliche Selbstverständnis, sondern vor allem anderen schlicht Athletinnen, die ihren Körper bis zu der ihnen genehmen Grenze trainieren und ausprägen wollen. Und viele Fans und Muskelmaedels sollten bedenken, dass die Ablehnung "der anderen" sehr oft nichts mit Arroganz zu tun hat, sondern mit Unsicherheit. Nicht jeder kann aus seiner Haut heraus und macht daher sofort "zu", wenn er etwas als Angriff auf seine sexuelle Identität empfindet. 

Apropos Sex. Es gibt natürlich auch starke Ladies, die mit Freuden ihre körperliche Überlegenheit an Männern austoben - es ist wie immer im Leben: Die eine mag nur das Training und den Muskelaufbau, lebt ansonsten ganz normal - das ist fraglos die Mehrheit. Die andere aber ist auch deshalb stark und muskulös, weil sie nun mit den Kerlen spielen und sie dominieren kann. Auch uns Fans täte da manches Nachdenken gut: Wir reduzieren doch allzu oft die Muskelmaedels ausschließlich auf die Muskeln und damit das, was wir als erregend empfinden. Das aber ist auch nicht anders, als das, was die "T & A"-Fraktion à la "Playboy" oder "FHM"auch tun. Dass da immer mehr betroffene Bodybuilding-Frauen genervt reagieren, sollte niemanden sonderlich erstaunen: Es ignoriert ja alles das, was die Betroffene und ihr individuelles Wesen sonst ausmacht: Also agiere man einfach mit etwas Takt.


Wobei eine Sache immer noch da ist: Der Verweis auf die Weiblichkeit der Muskelmaedels. Man vergleiche den BB-Wettkampf: Männer rasieren und duschen sich vorher, dann kommt das Färben und Ölen, gut ist es. Und die Frauen? Ab Hals aufwärts ist der Aufwand um ein Vielfaches höher. Ma(n)n ist versucht zu sagen: wie immer. Frage: Gesellschaftlich bedingt oder im Wesen veranlagt und damit doch "typisch weiblich"?   
  
Hm. Muss ich das beantworten? Kann ich mich nicht einfach an der einen Sache freuen und die andere trotzdem haben? Sprich: Muskelmaedels, die ihre Freude an ihren Superbodies mit der Freude an der weiblich-erotischen Tändelei verbinden? Aber sicher doch! Oder wie es neulich in einer Zuschrift hier an muskelmaedels.blogspot.de hieß: "Meine Logik: Wenn es solche Frauen gibt, muss es auch Leute geben, die sie lieben. Schließlich gibt es auch Männer, die dicke oder dünne Frauen lieben."

Ein "Hm" habe ich noch. Es betrifft das, was eine TV-Produktion zum Thema "Female Muscle Worship" im Titel trug. Das mit den "Hidden Lives", also dem Leben und Ausleben im Verborgenen. Der Schmoe geht zum Muskelmaedel, aber das tut er nur heimlich. Heimlich deshalb, um sich gegen Schmähungen und Herabsetzungen seines Umfeldes zu schützen. Wirklich? Oder auch deshalb heimlich, weil das den Reiz des Spieles erhöht und somit gewissermaßen ein Sich-Der-Gefahr-Aussetzen darstellt? Ist das dann auch "typisch männlich"?

   

Kommentare:

  1. Anonym10/3/13

    Ein sehr genialer Eintrieg mit vielen Wahrheiten. Ich selbst frage mich oft, was ich denn tun könnte, um die Welt zu ändern. Soll heißen: wie kann ich dazu beitragen, das mehr Frauen für sich das Training entdecken und Muskeln aufbauen? Leider kann ich eher sehr wenig unternehmen, eben weil ich gezwungen bin, meine Vorlieben im Verborgenen auszuleben. Und das dank der gesellschaftlichen Normen, die nicht meine sind. Oftmals gefällt mir das nicht und ich wäre sehr gerne offener, z. B., wenn ich mit sportlichen Frauen rede.

    Aber eins kann ich tun: mit meinem Kaufverhalten abstimmen. Ich kann mir Comics mit Superheldinnen kaufen, Computerspiele mit tollen Frauen, Blockbuster mit weiblichen Heldinnen im Kino besuchen, Serien mit starken Frauen kaufen, im Web clips ordern, etc., pp. Und das mache ich auch. Eines Tages wird das einen Einfluss haben, ganz bestimmt. Und je mehr von uns das tun, desto mehr werden sich die gesellschaftlichen Normen in Richtung unserer Vorlieben entwicklen, liebe Fellow Mit-Schmoes! :)

    Also, macht mit! (Machen bestimmt sowieso viele von euch) ;)

    Viele Grüße,

    Max Kraft

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  2. Anonym11/4/13

    Der Fokus ist meines Erachtens falsch. Nicht die trainierenden Frauen, sondern die Ablehnung der Gesellschafft ist zu hinterfragen.
    Ein komplexes Thema, mit einer einfachen Antwort: die Unterdrückung der Attraktivität der Frau. Catherim Hakim lesen: "the power of attraction".

    Servus,

    Andreas

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--- mattmuscle, der sich über möglichst viele sinnvolle Kommentare und Anmeldungen bei "Wer mitliest - die Muskelmaedel-Community" in der rechten Blog-Spalte freuen würde ...