Samstag, Oktober 06, 2007

Seit wann gibt’s den Muckimaedel-Fetisch?


Eine Frage, die ich den paar Bodybuilderinnen, die ich bisher getroffen habe, auch schon gestellt habe. Und immer kam dieselbe Antwort: „Ich weiß es nicht. Darüber habe ich noch nie nach gedacht.“

Was die Damen mir aber sagen konnten, war, dass sich dieser Fetisch durch alle Altersstufen zieht, eine erzählte mir gar von einem älteren Herrn um die 80, der sein Faible ab und an noch auslebt (das macht Hoffnung...).

Nun, dass es derlei überhaupt gibt, dass sich die Anbetung der Kraft „Sthenolagnia“ nennt, das habe ich schon in einem früheren Post ausgeführt (man klicke rechts in der Spalte auf das LabelWissenschaft und Literatur“ ). Tatsache ist auch, dass sich der Fetisch meist (aber nicht nur) bei Männern findet und dass es nicht nur die Hetero-Version, sondern auch die für Homos gibt, sonst hätte Michelangelo nicht so viele Muskelmänner in Marmor geschaffen ...

Aber uns interessiert das Thema „Mann bewundert muskulöse Frau“. Und da drängt sich die Frage der Überschrift erneut auf. Denn man sollte sich vergewärtigen, dass das Frauenbodybuilding in der uns bekannten Form ein doch vergleichsweise junges Phänomen ist. Das existiert in der Art gut 30, 40 Jahre.

Logische Antwort auf die Frage von oben: Unseren Fetisch gibt es also seit 30, 40 Jahren.

Wirklich?
Nein. Ich glaube das nicht.
Das greift zu kurz.

Ich als Mittvierziger bin der Beweis. Ich fantasierte schon als Kind von starken Frauen, ohne dass ich je von Bodybuilding gehört hätte, geschweige denn je ein Muskelmaedel gesehen hätte. Nächster Beweis: Orrin Heller. Der vor einigen Jahren verstorbene Amerikaner sammelte zeitlebens Bilder und Fotos außerordentlich muskulöser Frauen. Nur, ohne Bodybuilding – wie sollte das denn gehen?

Ganz einfach. Männliche Unterlegenheitsphantasien sind Teil unseres menschlichen Wesens, auch wenn manche Kulturen mehr als andere gestatten, diese Phantasien auszuleben, ja, sie überhaupt erst zu entwickeln. Ich glaube auch, dass dies eine milde und anders geartete Ausrichtung dessen ist, was man als „Masochismus“ bezeichnet. Diese Annahme lässt sich dadurch stützen, dass viele Muckimaedelfans nicht nur die Bodys ihrer Angebeteten bewundern, sondern sich auch noch mehr oder weniger stark in die Mangel nehmen lassen und das auch noch genießen.

Zudem ist Bodybuilding (auch das für Frauen) älter, als uns das die Amis weismachen wollen. Und ganz bestimmt hat Joe Weider es nicht erfunden. Muskulöse Frauen, die ihren gesamten Körper gezielt trainierten, die lebten auch schon vor einem Jahrhundert. Und anfangs des 20. Jahrhunderts, da erlebte die als „Müllern“ bekannte Methode einen allgemeinen Boom. „Müllern“? Was ist das denn? Ganz einfach: Ein anderes Wort für Bodybuilding, es bezog sich auf den Autor einer seinerzeit äußerst populären Anleitung zu dem, was in den romanischen Sprachen „culturisme“ heißt und für das es in dem Sinn gar kein deutsches Wort gibt, nämlich Bodybuilding.

Doch Orrin Heller fand seine Muskelmaedels nicht in den Gyms, sondern zumeist im Zirkus, nämlich bei den Hochseil- und Trapezartistinnen. Denn die bildeten den besten Beweis dafür, dass außerordentliche Beanspruchungen von Muskeln auch deren Wachstum extrem fördert. In der Regel betraf das die Muckis der Arme, des Schultergürtels und des oberen Rückens. Dagegen fehlte es diesen Artistinnen meistens an entsprechend ausgeprägten Unterkörpern.

Was nicht heißt, dass diese Damen den nicht auch trainiert hätten. Auch schon vor Jahrzehnten wusste man, dass die Arbeit am Gerät (Hochseil/Trapez) das eine ist, aber dass dazu auch noch anderes Training dazukommen muss, an Turngeräten ebenso wie mit Gewichten.

Eine weitere Fundgrube bildeten die Varietés, in denen die „Strongwomen“ auftraten. Muskelmaedels wie Sandwina oder Vulcana und andere. Die wiederum waren meist außerordentlich stark, aber leider oft auch dementsprechend umfänglich. Keine Spur von der Muskeldefinition einer Bodybuilderin oder auch einer Trapezartistin (die ja schlank sein musste – jedes Kilogramm zuviel hätte ja die eh schon schwere Arbeit nur noch mehr erschwert). Ja, und dann war da noch das Untergrund-Amüsement mit seinerzeit nicht gesellschaftsfähigen Catcherinnen und Boxerinnen.

Eine wichtige Gruppe habe ich noch nicht genannt – dabei bildete sie fraglos die größte Gruppe: Die Tänzerinnen, deren Arbeitswerkzeug ebenfalls von ihren Anstrengungen kündete. Ich meine die Beine. Balletttänzerinnen entwickeln da ebenso prächtige Muskeln wie es die Cancan-Danseuses taten (deren „Beine hoch“ stärkte zudem den Abdominal-Bereich). Da Tänzerinnen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zusehends und mit stets spärlicher werdender Bekleidung ins meist männliche Blickfeld gerieten, lässt sich vermuten, dass sich dieser Mucki-Fetisch auch da entwickelt hat.

Das, denke ich, dürfte stimmen. Denn der Themenkomplex „Sexual-Fetisch“ fand seine Ausprägung erst so richtig im 19. Jahrhundert, das gilt für die Verbreitung solcher von der angeblichen Norm abweichenden Vorlieben ebenso wie für den entsprechenden publizistischen Unterbau (mit Bildern, Postkarten und Heften, all das meist unter der Ladentheke gehandelt). Natürlich gab es derlei auch schon vorher, nur eben nicht auf der vergleichsweise breiten Ebene. Es hat etwas zu tun mit den geänderten Lebensumständen, die mit der zusehenden Verbürgerlichung und einem wachsenden Wohlstand einherging.

Ich wage die These, dass ein ums tägliche Überleben kämpfender Bauer, Arbeiter oder Tagelöhner dafür einfach gar keine Energien mehr freigehabt hat – auch wenn er vom Wesen her dazu geneigt hätte, Muskelmaedels anbetungswürdig super zu finden.

Was wiederum zu der Frage von ganz oben führt – seit wann ...? Diesmal aber mit Blickrichtung ganz weit retour in die Geschichte. Und wieder wage ich eine These: Ich glaube, dass es unseren Fetisch (allerdings in geringerer Ausprägung) in all den Hochkulturen gegeben hat, in denen es Frauen möglich war, ihre Muskeln zu trainieren. Das war im alten Sparta ebenso der Fall wie im nachchristlichen Rom (hier sowohl bei reichen Frauen wie bei den vereinzelt zu findenden Gladiatorinnen). Und dann waren da ja noch die Kulturen mythischer Kriegerinnen, die fraglos trainiert waren und womöglich auch schon den ein oder anderen antiken Muckimaedelfan hatten ...

Zum Bild: Die Vorlage stammt wieder einmal vom Atelier EG, ich habe es etwas variiert und bunt gemacht. Ich hoffe, es gefällt.

Kommentare:

  1. Zunächst einmal: Vielen Dank für diesen Blog!

    Sehr interessante Ausführungen zum Thema. Ich hätte vermutet, dass am Anfang nur die Bewunderung weiblicher Kraft und weiblicher Kampfesstärke stand.

    Weniger bekannte Beispiele sind vielleicht die mythische Prinzessin Kyrene, die mit mächtigen Löwen rang, oder Cimburgis von Masowien, die mit bloßer Hand Eisennägel aus der Wand ziehen konnte.

    Was vielleicht auch interessant zu untersuchen wäre: Das Eindringen des Frauenbodybuildings in die Kultur. Also erste Auftritte von Bodybuilderinnen im Fernsehen und schließlich in Kinofilmen, auch in Musikvideos, erste muskulöse Heldinnen in Comics und Cartoons. Leider habe ich Anfang der 1980er Jahre noch nicht gelebt und konnte die Anfänge somit nicht live miterleben.

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  2. Anonym21/11/09

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--- mattmuscle, der sich über möglichst viele sinnvolle Kommentare und Anmeldungen bei "Wer mitliest - die Muskelmaedel-Community" in der rechten Blog-Spalte freuen würde ...