Mittwoch, Juni 09, 2010

Muskeln contra Geschlecht

Vorm Weiterlesen: Bitte rechts bei der bis Anfang Juli 2010 laufenden Umfrage abstimmen; die Erklärung dazu findet sich im Posting vom 6. Juni.
















Brigita Brezovac in typischer Pose, ihren Super-Mucki-Arm sehr sexy präsentierend. Sexy und Muckis - ist das ein Widerspruch? (Foto: mattmuscle)

Frauen mit Muskeln – ein eher zeitgenössisches Thema und nicht eins früherer Zeiten. So die allgemeine These, bei der dann der Verweis auf den Feminismus der 1960er Jahre und all seine Folgen fürs Rollenverständnis nicht fehlen darf. Und außerdem, da ist ja noch das Problem der Nahrung und sonstiger Mittelchen: Erst die machen es ja möglich, Superkörper zu entwickeln. Bei Männern und bei Frauen sowieso; manche der heute zu sehenden Muskelleiber wären in ihrer extremen Ausprägung und Form bestimmt zu früheren Jahren nicht möglich gewesen – zweifelsohne eine Entwicklung, die auf Fortschritten in Medizin, Technik, Training und Ernährung basiert.

Ich will hier keinen Popanz aufbauen, aber so stellt sich mir ein Gutteil der Diskussion zum Thema Muskelmaedels dar. Das ist zum Teil alles richtig, lässt aber die historische Komponente außer acht. Extreme und dabei ästhetische ausgeprägte Muskeln gab es zu allen Zeiten, bei Männern biologisch bedingt natürlich häufiger als bei Frauen. Aber: Sicher nicht so häufig wie heute. Nochmals Aber: Wobei an dem Eindruck des „heute häufiger“ auch die größere Weltbevölkerung sowie die (zumindest in Form von Bildmaterial für den Betrachter) universelle Erreichbarkeit mittels neuer Medien ihren Anteil haben.

Worauf ich hinaus will: Frauen mit sichtlich ausgeprägten Muskeln gab es früher auch schon, aber eben seltener (das war ja auch bei männlichen Athleten nicht anders). Leute meines Alters dürften sich an die erfolgreiche Olympionikin Heide Rosendahl erinnern – ein Beispiel von einigen.













Nun, ich habe in diesem Blog immer wieder versucht, mal ein bisschen das Augenmerk in die Vergangenheit zu lenken (hier die Zirkus-Gewichtheberin Athelda). Dies zum einen, um auf das gerade Ausgeführte zu verweisen. Zum anderen aber, um das Problem der Öffentlichkeit mit muskulösen Frauen zu diskutieren und da um mehr Akzeptanz zu kämpfen. Das aber geht nur, wenn man die Wurzeln der Ablehnung kennt. Und dazu muss man als Mensch unter anderem auch in die Geschichte blicken.

Worin begründet sich dieses Problem? Vulgärpsychologisch gesehen, ist da sicher der Neid zu nennen. Neid darauf, dass ein anderer mit 41-Zentimter-Biceps, Herkules-Schultern und Waschbrett-Bauch durchs Leben läuft, man selber aber nicht. Das zeigt schon: Das Problem der Öffentlichkeit bezieht sich weitenteils auf extreme Muskeln per se, nicht nur auf das Geschlecht.

Jetzt zu dem Thema ein Blick in die Vergangenheit: Die römischen Gladiatoren der Kaiserzeit galten in ihrer Epoche und Region als die Menschen mit den am besten entwickelten Körpern. Kein Wunder, sie wurden ja intensivst auf ihre jeweilige Rolle in der Arena hin getrimmt. Mit der Folge übrigens, dass sie weit weniger bei ihren Einsätzen infolge des berühmten gesenkten Daumens (der in der Form unter Historikern auch umstritten ist) starben, als das Klischee es uns weismachen will.

Aber: Die tollen Bodys der Arenenkämpfer machten diese für die Römerinnen sexuell attraktiv – das ist überliefert. Fraglos erweckte das aber den Neid der übrigen Manneswelt. Mit der ebenso fraglosen Folge, dass man die muskulösen Leiber anfing zu diskriminieren: ein klarer Fall von Heuchelei – das schlecht machen, was man selber nicht hat.

Ein Beispiel. Ein bekanntes. Aber wahrscheinlich war es von jeher so, dass kraftvolle, ausgeprägte Körper Neid erweckten. Und dies umso mehr, je mehr der Eigentümer diese Muskeln zur Schau stellt. Was bei Gladiatoren ja zwangsläufig der Fall war. Wie bei Zirkusartisten, Ringern, Boxern etc..

Wenn aber schon bei Männern ein extrem muskulöses Äußeres auf (zumindest nach außen hin demonstrierte) Ablehnung stößt, wie ist es dann erst bei Frauen? 

Dazu zuerst ein Zeitungsstatement aus den 1920er Jahren: „Wenn Luisita Leers in kurzärmeliger Sommerkleidung die Straßen entlanggeht, starren Frauen auf ihre Arme, kaum ihren Augen trauend, wenn sie die sich wölbenden Muskeln und die dunklen Flecken innen an ihren Ellbogen sehen. Aber Luisita lächelt nur, und da ist ein weicher Blick in ihren braunen Augen. Für sie gibt es keinen der äußerlichen Aspekte von Weiblichkeit mehr. Achtzehn Jahre am Hochtrapez in Zirkussen rund um die Welt haben Luisita jener weiblichen Züge beraubt, die Frauen eifersüchtig hüten und nach denen Männer bei den Damen Ausschau halten.“











Das Verdikt zeigt klar, dass die damals weltberühmte deutsche Trapezartistin Luisita Leers einen außerordentlichen, als verstörend empfundenen Body besessen hat — hier im Bild eine Rückansicht von ihr.

Einen mit Oberarmmuskeln, wie sie die Welt normalerweise nicht bei einer Frau vermutet. Damals gar nicht und heute auch nur selten. Aus Sicht von uns Fans muss sie eine Bombe gewesen sein: Einer der besten Oberkörper jener Zeit, gepaart mit einem sehr hübschen Gesicht, das auf Portraits immer sanft erscheint. Das aber scheint mir eine bewusst gewählte Pose zu sein: Damit demonstrierte sie: „Ich Weibchen – keine Gefahr für deine Vorherrschaft, Männchen, ich suche einen Beschützer.“ Dazu passt auch, dass ein anderer Text von Luisita Leers behauptete, sie (als Hochtrapezartistin!) schlafe im Zug nicht gern im oberen Bett des Schlafwagenabteils ...

Denn Luisita Leers' Äußeres war nur im Zirkus oder nur durch Kleidung verdeckt duldsam. Ansonsten bildete es einen Affront auf die Geschlechterwelt: Ausgeprägte, starke Muskeln waren per gesamtgesellschaftlichem Konsens als männlich definiert. Hatte eine Frau diese, dann sah man darin eine Vermischtung männlicher und weiblicher Züge.

Das ist eindeutig ein kulturelles Verdikt: Auch ohne die modernen, höchst effektiven Nahrungsergänzungsmittel unserer Zeit haben Frauen immer wieder bewiesen, dass auch ihre Körper auf entsprechende Stimulanz (Arbeit, gezieltes Training, Ernährung) ansprechen und sich die Muskeln in Konsequenz ausbilden. Somit ist es natürlich gegeben, dass auch eine Frau pralle Bizeps-Muskeln, ausladende Schultern und ein breites Kreuz entwickeln und haben kann. Wenn auch in geringerem Maß als der entsprechend trainierte und ernährte Mann, das wiederum ist naturgegeben.

Was aber mit Frauen machen, die mehr Muskeln und mehr Kraft haben als Otto Normalverbraucher? 
Vor denen hat man Angst. 
Genauer: Vor der Reaktion auf diese Frauen hat man Angst. 

Die Öffentlichkeitunterstellt unterschwellig, dass mit einem solchen „männlich wirkenden“ Körper auch stets und zwangsläufig männliche Züge einhergehen. Und wer nun einen solchen Körper sexuell attraktiv findet, der muss ja --- nun, schwul sein, oder? Und wer als Frau so einen Körper anstrebt, die muss ebenfalls vom anderen Ufer sein (was zum Teil sicher so ist, zum anderen Teil aber eben auch nicht). Verkürzt lässt sich das so ausdrücken: Die Angst vor Muskelfrauen ist nichts anderes als Homophobie. Eine gesellschaftlich verankerte.













An diesen Rollenbildern hat sich aller (behaupteten) sexuellen Offenheit zum Trotz kaum etwas geändert. Allerdings akzeptiert die Öffentlichkeit heute weit mehr als früher gestählte Körper beiderlei Geschlechts, hat aber ebenso wieder neue Klischees für „weiblich“ und „männlich“ festgelegt: Eine Rachel McLish würde heute ebenso wenig Aufsehen erregen wie eine Luisita Leers – solch eine Figur findet sich ja längst bei der ein oder anderen als sexuell attraktiv geltenden Prominenten (hier die herausragende und brillante US-Schauspielerin Angela Bassett).

Dennoch gilt das dem damaligen Verdikt entsprechend Ablehnende nach wie vor für all die Muskelmaedels, die die neue Grenze überschreiten. Und natürlich gilt es für die Fans solcher Ausnahmeathletinnen. 











Hier eine der Damen, die die neuen Grenzen für Muskelmaedels am weitesten ausgereizt hat: die tolle und kühne Renne Toney. Als ich das Bild gemacht habe, konnte ich kaum glauben, was sich da alles auf ihren Armen türmt. Muss man gesehen und  gefühlt haben ...
 
Heute bereichert freilich ein neues Argument die Diskussion: Die Vermännlichung infolge des Überdosierens diverser Mittelchen. Fraglos richtig — aber die gesundheitliche Gefahr, die von einem Zuviel oder Verkehrt bei diesem Zeug herrührt, die gilt ja auch für Männer: Insoweit ist wieder Gleichstand hergestellt; das Argument taugt für den Geschlechterkampf also nicht. 

Ohne die im schlimmsten Fall böse Wirkung der Chemie in Abrede stellen zu wollen: Auch hier sehe ich die altbekannten Kräfte am Werk. All die Ablehnung der Muskelmaedels erfolgt nämlich nach wie vor aus der allseits bekannten Angst heraus, dass sich „Männliches“ und „Weibliches“ vermischen und dass derlei zum Verlust der sexuellen Identität führen könne.

Zwar ist das Quatsch (wissen wir heute), weil es bei solchen Rollenbildern nicht um Natürliches, sondern um Jahrtausende alte Kulturstrukturen geht. Aber gegen deren Kraft sind wir alle nur bedingt gewappnet. Sonst gäbe es die ganze Geheimnistuerei rund um Muskelmaedels, Fetisch, Schmoes und Sessions nicht, sonst schriebe ich das hier auch nicht anonym.

Jedoch kann die Erkenntnis auch nutzen. Denn erkannt ist gebannt, lautet die Regel. Sprich: Eine Frau definiert sich wie auch ein Mann eben nicht nur über das Äußere, sondern vor allem über ihr natürliches Geschlecht und das u.a. auch daraus resultierende Verhalten. Schließlich gibt es ja Frauen, die ohne extremen Sport und Radikaldiät von Natur aus vergleichsweise kantige (gern als männlich bezeichnete) Gesichter haben, was aber deren Weiblichkeit nun keinen Abbruch tut. Denn die Bodybuilderinnen, die ich kennengelernt habe, waren fast alle im Verhalten so weiblich wie jede andere Frau auch. Und nicht wenige von ihnen sind verheiratet und Mütter, nicht wenige davon gebaren und machten danach mit ihrem Sport weiter. 

Ergo lag und liegt der Unterschied in den Muckis, sonst in nichts.
Ergo sind das FRAUEN.
Ergo ist das, was MÄNNER für sie empfinden, okay. 
Ergo gehören das eigene wie das gesellschaftliche Rollenverständnis auf den Prüfstand.
Ergo braucht es keine Angst vor angeblich homosexuellen Gefühlen.
Ergo braucht es Homophobie überhaupt nicht, weil eh diskriminierend: Nicht mein Thema, aber das sei auch mal gesagt.

Kommentare:

  1. nfb56112/6/10

    Hallo mattmuscle!

    Muskelbepackte Frauen: ich ich bin mit Mitte 20 auf den Geschmack gekommen. Bis dahin hatte ich mich nur auf männliche Muskeln fixiert. Aber als ich Bilder von Renne Toney gesehen habe war ich hin und weg!!! Ich weiß noch genau den Moment als ich realisierte, dass der gewaltige adernstarrende Bizeps den ich da im Video sah von einer Frau und nicht etwa von einem muskelbepackten männlichen Bodybuilder angespannt wurde. Sie soll ja einen Oberarmumfang von 50 cm haben (und das noch einigermaßen definiert). Und die für eine Frau animalische Brustmuskulatur die ich sah konnte sich ebenfalls mit den Brustmuskeln eines männlichen Bodybuilders messen lassen (in Volumen wie auch in Masse). In mir baute sich damals dermaßen eine Geilheit auf, dass mir übel wurde und ich Schweißausbrüche bekam. In den nächsten Tagen hatte ich regelmäßig einen schmerzenden Dauerständer, weil ich diese Bilder von sich anspannenden und emporhebenden weiblichen!! Fleischbergen (bei ihr ist der Begriff wirklich angebracht) nicht aus meinem Kopf bekam. Mein Gott dachte ich mir, ein 95 kg schwerer männlicher Bodybuilder hat nicht mehr zu bieten. Eine unheimliche Vorstellung.
    Seit dieser Zeit wünsche ich mir, dass sich weibliche Extrembodybuilder in den kommenden Jahren in die 100kg+ Klasse entwickeln und eines Tages vielleicht mal dem einen oder anderen männlichen (Schwergewichts-)Wettkampfbodybuilder die Schamesröte ins Gesicht treiben, wenn bei einem Bizepsvergleich selbst so ein muskelbepackter Kerl den kürzeren zieht. Eine unheimlich erotische Vorstellung für mich: Ein Vertreter des starken Geschlechts, der Muskelaufbau zu seinem Beruf gemacht hat und damit Geld verdient, verliert entweder beim Direktvergleich gegen eine solche Bodybuilderin oder z.B beim Bankdrücken oder Bizepscurl.
    Vielleicht auch mal ein interessanter Stoff für eine Erotikstory. :-)

    Hattest du mal die Gelegenheit den Oberarm von Renne Toney zu fühlen? Wie ging es dir dabei? Hat eine Hand ausgereicht für den Bizeps? Und hast du dich von Ihr auch in ihren Armen liegend tragen lassen?

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  2. Danke für den sehr ausführlichen und offenen Kommentar! Auch dafür, dass du so offen den homoerotischen Aspekt deines persönlichen Werdegangs beschreibst. Macht bestimmt nicht jeder, bei dem das ähnlich verlaufen ist. Nehme an, dass du dich selber als bi beschreiben würdest. Oder war das nur eine Phase?

    Mehr zu Renne Toney und meinen Eindruck von einer Session mit ihr findest du bei den Postings vom März 2008 unter der Überschrift: "Die größten Muckimaedel-Biceps überhaupt". Dazu gehe einfach ins Blog Archiv (Spalte rechts). Dort das Dreieck von 2008, dann das vom März anklicken, dann kommt auch der Link zum Posting.

    Sie hat(te) schier gigantische, unter Anspannung hammerharte Arme, ohne Wenn und Aber - ich hätte die stundenlang befühlen können (sie hatte auch eine tolle kaffeebraune Haut). Eine Hand, zwei Hände zum Umfassen - weiß ich leider nicht mehr - aber es war unglaublich. Sie hatte eine Riesenkraft auch ohne Wenn und Aber. Sie wirkte auch intelligent und gebildet. Soweit dies.

    Jedoch in Sachen weiblich-erotischer Ausstrahlung konnte sie wenigstens aus meiner Sicht und aus der Erinnerung heraus nicht mit einer Alina Popa, einer Christa Bauch, einer Monica Mollica, einer Brigita Brezovac, einer Betty Viana, einer Lynn McCrossin, einer Rahel Ruch oder einer Kay Baxter (alle stellvertretend genannt) mithalten - aber bitte: Das soll, darf und muss jeder anders sehen.

    Doch irgendwas fehlte mir da. So sprang der Funke nicht so ganz über. Und nicht so nett fand ich, dass sie - trotz Absprache - nicht auf eine Mail reagiert hat, in der ich ihr Infos zu einem Buch gesendet hatte, nach dem sie mich gefragt hatte. Die Mail mag aber auch untergegangen sein, who knows.

    Ist aber in jedem Fall schade, dass sie schon kurz nach unserem Meeting im Herbst '07 von der FBB-Bildfläche verschwunden ist: Es braucht schon eine Menge Courage so zu leben, wie sie das zweifelsohne getan hat.

    Stories. Vielen Dank für die Anregung. Mal gucken, was sich tun lässt, das braucht Zeit und geht nicht auf Kommando. Habe noch einiges an fertigem Material, denke auch auf einem Buch oder einer pdf-Sammleung auf CD rum. Mal sehen.

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--- mattmuscle, der sich über möglichst viele sinnvolle Kommentare und Anmeldungen bei "Wer mitliest - die Muskelmaedel-Community" in der rechten Blog-Spalte freuen würde ...